„Wenn wir von Opfern sprechen können wir das nur, wenn den Opfern des Nationalsozialismus gedacht wird“

Über 60 Menschen beteiligen sich am 07. März 2019 an dezentralen Kundgebungen unter dem Motto LICHTER FÜR VIELFALT UND WELTOFFENHEIT in Dessau-Roßlau

Auf gleich sieben parallel stattfindenden Kundgebungen unter dem zentralen Motto LICHTER FÜR VIELFALT UND WELTOFFENHEIThaben am 07. März 2019 über 60 Menschen ein Zeichen für Versöhnung und Frieden gesetzt. Anlässlich der Bombardierung der Stadt Dessau am 07. März 1945 ein notwendiger Tag der Erinnerung und Mahnung. Zu den Mahnwachen (mehr dazu hier…), u. a. an der Friedensglocke in der Innenstadt, am Friedhof III, auf dem Lidice-Platz in Dessau-Nord, an der Auferstehungskirche, vor dem Alten Theater und am Bauhausplatz, hatte neben dem Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE zudem die Stiftung Bauhaus Dessau, die Partei DIE LINKE, das Anhaltische Theater, der Kirchenkreis Dessau und die Initiative „DESSAU NORD GEDENKT“ gemeinsam aufgerufen. In den vergangenen Jahren nutzten militante Neonazis aus dem Kameradschaftsspektrum diesen Tag immer wieder (mehr dazu hier…) und (hier…), um mit ihrer geschichtsverfälschenden Propaganda die Opfer des NS-Terrors zu verhöhnen.
An der Friedensglocke im Dessauer Stadtzentrum sind zu der größten Gedenkkundgebung 30 Menschen zusammengekommen. Das bekannte Peace-Zeichen als Symbol der Friedensbewegung ist mit Kerzen auf dem Pflaster nachgestellt und kündet zugleich von der heutigen Botschaft. Dabei geht es nicht darum Opfer gegen Opfer auszuspielen, sondern um eine differenzierte Betrachtung der Geschichte. Bekanntlich ging der mörderische 2. Weltkrieg vom nationalsozialistischen Deutschland aus. Darauf macht Uwe Günther, der im weiteren Verlauf spontan mit der eigens mitgebrachten Gitarre bekannte Friedenslieder intoniert, aufmerksam: „Wenn man sieht was im Namen des Nationalsozialismus alles angerichtet wurde, einfach nur furchtbar. Die Nazis wollten ihre eigene Herrenrasse errichten – zum Glück hat es das tausendjährige Reich dann doch nicht gegeben.“

Günter Donath, der sich seit Jahren im Rahmen der Werkstatt Gedenkkultur u. a. dafür einsetzt, dass in der Stadt nun über 100 Stolpersteine an die Opfer der Nazis erinnern (mehr dazu hier…), kann dem nur beipflichten: „Wenn wir von Opfern sprechen können wir das nur, wenn den Opfern des Nationalsozialismus gedacht wird“. Der Pfarrer im Ruhestand macht auf das Schicksal vieler europäischen Städte aufmerksam, die weit vor Dessau in Schutt und Asche gelegt wurden: „Was die deutsche Wehrmacht in ganz Europa angerichtet hat, muss zwingend erwähnt werden.“ Seine unvollständige Aufzählung beinhaltet das englische Coventry ebenso, wie die Hafenstadt Rotterdam. Es gelte den Opfern des Faschismus die in dieser Stadt nach der so genannten Machtergreifung zu beklagen waren, Name und Gesicht zu geben – und dies nicht nur mit Stolpersteinen. Besonders wichtig ist Günter Donath indes die Aussöhnung mit der ehemaligen Sowjetunion (SU). Oftmals komme zu kurz, dass die Menschen in der SU mit über 20 Millionen Toten die volle Wucht des deutschen Vernichtungskriegs zu spüren bekamen. Genau diese Versöhnung liegt ihm offensichtlich ganz persönlich am Herzen, berichtete er doch in dem Vortrag „Stalingrad – Mahnung für den Frieden“ im letzten Jahr eindrucksvoll von seiner Reise durch das heutige Wolgograder Gebiet und der dortigen Erinnerungskultur (mehr dazu hier…).

Abschließend spannt Frank Hoffmann, stellvertretender Stadtratsvorsitzender (Die Linke), einen Bogen zur Gegenwart. „Wo ein Blick des Erinnerns möglich ist, sollte auch ein Blick der Warnung gestattet sein“, sagt der Kommunalpolitiker und spielt dabei auf rechte Gruppierungen und Parteien an, die sich auch 80 Jahre danach nicht von den Gräuel der Nazizeit distanzierten, mehr noch, sich unverhohlen positiv auf diesen Terror beziehen würden. Frank Hoffmann spart dabei Kritik an der aktuellen Politik nicht aus: „Heute exportiert Deutschland wieder Krieg nämlich mit Waffen, die sogar in Bürgerkriegsgebieten landen.“

Die militanten Neonazis blieben Dessau-Roßlau, übrigens erstmals seit Jahren, am eigentlichen Jahrestag der Bombardierung schließlich erspart. Vielleicht hat auch dieses dezentrale Gedenken einen Teil zu dieser erfreulichen Entwicklung beigetragen. Am 16. März 2019 marschierten dann ca. 100 ewiggestrigen Geschichtsverfälscher weitgehend unbeachtet doch durch Dessau-Süd. Fast dreimal so viele Menschen zeigten auch an diesem Tag Flagge und bildetet eine symbolische Menschenkette um das Bauhaus (mehr dazu hier…).


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