„Wir anders könnte unser Land, ganz Europa heute aussehen, wenn es nicht diesen Zivilisationsbruch gegeben hätte.“

Gedenkveranstaltung auf der Dessauer Brauereibrücke erinnert am 06. November 2018 an die Opfer des Naziterrors

Das leicht quietschende Geräusch der stilisierten Dosen am Info- und Mahnpunkt Zyklon B (mehr dazu hier…) auf der Dessauer Brauereibrücke ist zunächst das einzige, was in der Abenddämmerung des 06. November 2018 wahrzunehmen ist. Zum Anfang der vom Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE organisierten Kundgebung unter dem Motto „Wir gedenken der Opfer des nationalsozialistischen Terrors“ sind es gerade einmal ein Dutzend Menschen, die an diesen geschichtsträchtigen Ort gekommen sind, der wie kaum ein anderer in der Region für die Naziverbrechen steht. Doch nur wenig später sind es mehr als 80 Zuhörende, der Platz auf dem Fußweg reicht nicht mehr aus, immer wieder müssen Fahrradfahrer_innen abbremsen – der Radweg ist längst besetzt. Ganz am Ende der Aktion gibt es eine erfreuliche Info, militante Neonazis haben ihre ganz in der Nähe geplante Provokation kurzfristig abgesagt (mehr dazu hier…). Sie wollten dort Besucher_innen des Konzerts der Band „Feine Sahne Fischfilet“ einschüchtern.


Die stilisierten Dosen am Info- und Mahnpunkt Zyklon B

„Der Tod kam aus Dessau“, mit dieser provokanten und zugleich zutreffenden Beschreibung hat das Alternative Jugendzentrum Dessau vor Jahren einen Film produziert (mehr dazu hier…) der über ein Kapitel der hiesigen Stadtgeschichte aufklärt: die Zyklon-B-Produktion. Es blieb einer Forschungsgruppe vorbehalten, übrigens nicht ohne Widerstände, sich für die Aufklärung stark zu machen. Im Ergebnis dieser jahrelangen Bemühungen wurde am 27. Januar 2005, dem 60. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, der Info- und Mahnpunkt Zyklon B der Öffentlichkeit übergeben (mehr dazu hier…). Auf stilisierten Dosen die in das Brückengelände eingelassen sind, wird über die Produktion des Giftgases in Dessau informiert. Mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel ermordeten die Nationalsozialisten eine Millionen Menschen, vor allem europäische Juden. Zugleich hat die Forschungsgruppe eine umfängliche Publikation veröffentlicht (mehr dazu hier…).

Zurück zum 06. November 2018. Und während am Brückengelände der bekannte und vielzitierte Niemöller-Ausspruch ganz bildlich nachzulesen ist, tritt Dr. Claudia Perren ans Mikrofon. Die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau sagt, dass gerade dieser Ort für die Verbrechen des Naziterrors steht. Angemessen und nur am Rande verweist sie zugleich darauf, dass diese menschenfeindliche Ideologie zugleich zur Vertreibung der Bauhaus-Bewegung aus der Stadt geführt hat.

Dr. Claudia Perren spricht zu den Kundgebungsteilnehmenden

Susan Sziborra-Seidlitz ist höchst emotional unterwegs, ihre Verbundenheit zum Thema ist förmlich greifbar, lässt sie in ihre Rede immer wieder stocken. Die Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen stellt zunächst einen unmittelbaren Kontext zu einem Jahrestag her, der noch 48 Stunden entfernt ist: „Am 09. November jährt sich zum 80. Mal die Pogromnacht, das macht gerade an diesem Ort ergriffen.“ Die Landespolitikerin stellt angesichts des Holocaust unmissverständlich fest: „Wir anders könnte unser Land, ganz Europa heute aussehen, wenn es nicht diesen Zivilisationsbruch gegeben hätte.“ Bezüglich der geplanten Nazikundgebung um die Ecke hält sie indes nicht hinter dem Berg: „Auch heute, nur weniger Meter weiter sind Nazis auf der Straße. Wir erleben gerade wie sich konservative Demokraten von Rechtspopulisten treiben lassen, dass macht mich traurig. Es ist Zeit, für eine klare Kante gegen Rechts.“

Susan Sziborra-Seidlitz ist sichtlich ergriffen

Für Frank Hoffmann ist klar, dass die Stadtgesellschaft eine Verantwortung hat. Nicht nur, so der stellvertretende Stadtratsvorsitzende und Kommunalpolitiker der Partei DIE LINKE, weil Dessau-Roßlau mit dem historischen Fakt der Zyklon-B-Produktion umgehen muss. Für ihn steht fest, dass die Gesellschaft „über eine Auseinandersetzung zwischen links und rechts längst“ hinaus wäre. Diese Kategorien verbieten sich angesichts der Tonalität von Hitler und Goebbels, die der Kommunalpolitiker immer wieder in Reden von Rechtsextremisten und Rechtspopulisten ausmacht. Es bleibt an diesem Tag Frank Hoffmann überlassen, noch einen kritischen Schwenk zur aktuellen Causa „Feine Sahne Fischfilet“ und der Rolle des Bauhauses zu machen: „Es geht um den kosmopolitischen Ansatz des Bauhauses, da geht es doch nicht nur um Architektur. Es geht nicht nur um die Tapete, wir reden auch über eine Haltung.“

Der Dessauer Stadtrat Frank Hoffmann findet deutliche Worte

Schließlich kehrt der Stadtrat Michael Berghäuser in seinem kurzen Statement an den Ort zurück und baut die Historie des Bauhauses gleich mit ein. Von ihm erfährt der geneigte Kundgebungsgast, dass Otti Berger ab 1927 am Bauhaus studierte und dort vier Jahre später, die Leitung der dortigen Weberei übernahm. Im Jahr 1944 wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet – vermutlich mit Zyklon B.

Nach all diesen Fakten die überdeutlich belegen, wie tief die Stadtgeschichte in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt war ist es nur ein geringer Trost, dass die militanten Neonazikameradschaften ihre Kundgebung am 06. November 2018 mangels Resonanz schließlich abgesagt haben. Zumindest blieb den über 600 Besucher_innen des Konzerts der Band „Feine Sahne Fischfilet“ dieser braune Spuk vor der Haustür der Alten Brauerei erspart.

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