„Alles was am 17. August stattfindet glorifiziert die Naziverbrechen“

40 Menschen folgen Protestaufruf des Netzwerks GELEBTE DEMOKRATIE // Extrem rechte Inszenierung für Kriegsverbrecher Rudolf Heß wird scharf verurteilt

UnknownDer Ort, an dem das Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE am 17. August 2017 zur Kundgebung „BUNT & LAUT – Gegen NS-Verherrlichung und Geschichtsverfälschung“ (mehr dazu hier…) an der Dessauer Museumskreuzung aufruft, ist nicht gerade ideal. Umringt von Baustellenzäunen und dem Rattern von Bohrhämmern sind trotzdem 40 Menschen in die Kavalierstraße gekommen um ihren Protest in Hör- und Rufweite zu adressieren. Neonazis aus dem militanten Kameradschaftsspektrum, angemeldet und koordiniert von der in Roßlau wohnenden Führungspersönlichkeit Alexander Weinert, wollen eigentlich unter dem Motto „Gebt die Akten frei!“ dem verurteilten Kriegsverbrecher und Hitlerstellvertreter huldigen. Doch vor dem angemeldeten Platz an der Sparda-Bank sind die Nazis nie angekommen. Stattdessen führen sie ihr braunes Schmierentheater im Ortsteil Roßlau auf. Den eindeutigen politischen Botschaften gegen diese offene Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen tat dies jedoch keinen Abbruch.

Was interessierte Beobachter schon vorher munkelten, wurde schnell zur Gewissheit – die Nazis kommen an diesem Tag nicht in das Dessauer Stadtzentrum. Ob dies am Aufruf des Netzwerks GELEBTE DEMOKRATIE lag, immerhin konnte an gleicher Stelle der Protest gegen eine Neonazikundgebung im April 2017 deutlich und lautstark zelebriert werden (mehr dazu hier…) , oder ob womöglich behördliche Auflagen und Einschränkungen die extreme Rechte davon abhielten, ist da fast schon nebensächlich.

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Für das Netzwerk stand jedoch ziemlich schnell fest: Auch ohne Nazis werden wir hier klare Kante zeigen.

Stefan Maria Stader, SPD-Direktkandidat für die bevorstehende Bundestagswahl, fand ziemlich deutliche Worte. „Es hat auch 1933/34 alles schleichend angefangen“, sagt er mit einem historischen Blick auf die Situation im Nationalsozialismus. Er wünscht sich, dass „Dessau-Roßlau gegen diese Umtriebe aufsteht“ auch und vor allem wegen der eigenen Geschichte. Mit Verweis auf dem Umstand, dass in der Stadt das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B produziert (mehr dazu hier…) , mit den die Nazis Millionen von Menschen fabrikmäßig ermordeten, leitet Stader eine solche Motivation ab. Abschließend schreibt der SPD-Politiker auch populistischen Kräften eine Verantwortung an der offensichtlichen Diskursverschiebung nach rechts zu: „Wir erleben das auch am rechten Rand des Parteienspektrums, die nennen sich Alternative für Deutschland. Das ist eine Schande für Deutschland und alles andere als eine Alternative. Wir alle hier sind die Alternative für Solidarität, Toleranz und Weltoffenheit.“

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Frank Hoffmann, Stadtverbandsvorsitzender der Partie DIE LINKE und ehemaliger Landtagsabgeordneter, beleuchtet einen ganz anderen Aspekt. „Alles was am 17. August stattfindet glorifiziert die Naziverbrechen“, sagt er nicht ohne leichten Frust in der Stimme. Immerhin habe es einmal einen Runderlass des Sachsen-Anhaltinischen Innenministeriums gegeben, der alle Versammlungen mit Rudolf Heß-Bezug rund um dessen Todestag am 17. August untersagte – und der nun offensichtlich nicht mehr gültig sei. Er könne nicht verstehen, warum sich eine wehrhafte Demokratie hier freiwillig die Zähne ziehen lasse.

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„Wer sich Luft machen möchte und wem das Herz drückt, der kann jetzt nach vorne kommen“, ermutigt der Moderator der Protestkundgebung, Daniel Kutsche vom Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE, weitere Redner_innen ans Mikro zu treten. Nach vorn kommt niemand mehr, wohl auch weil manche hibbelig sind, doch noch nach Roßlau zu fahren.

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Dort allerdings, haben sie nicht viel verpasst. Schließlich haben sich ca. 30 Neonazis im Bereich Südstraße/Ecke Dessauer Straße versammelt. Neben den hiesigen Nazis auch Aktivisten aus Niedersachsen und Sachsen. Der Heß-Kult in der Naziszene wurde auch diesmal mit der hanebüchenen Verschwörungstheorie garniert, dass der NS-Kriegsverbrecher im August 1987 im alliierten Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau umgebracht worden sei. Die damals ermittelte Todesursache, Suizid durch Strangulation, wird jedoch von Neonazis seither bestritten – pure Faktenresistenz und pathologischer Realitätsverlust.

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„Gelebte Toleranz muss Respekt sein, auf Augenhöhe mit Neuem, Fremden, Anderem – Immer Neugierig und ohne Angst!“, steht auf einer der Kampagnenpostkarten (mehr dazu hier…) , die einige Teilnehmenden auf der Protestkundgebung des Netzwerks schließlich ausfüllen. Eine Botschaft, die die ewiggestrigen NS-Verherrlicher wohl nie verstehen werden.


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Eine Galerie mit den Bildern vom 17. August 2017 gibt es hier…


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