„Doch es kann jeden treffen“

TAG DER ERINNERUNG am 12. Juni 2017 im Dessauer Stadtpark // 90 Teilnehmer_innen gedenken Alberto Adriano, Hans-Joachim Sbrzesny und allen Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2000 betranken sich Neonazis, sie grölten lautstark neonazistische Songtexte, schaukelten sich auf und trafen schließlich im Dessauer Stadtpark auf Alberto Adriano. Die menschenverachtende Ideologie hinter den 3 jungen Tätern und den von ihnen gegrölten Songtexten wurde bittere Realität. Alberto Adriano (mehr dazu hier…)wurde von ihnen so brutal zusammengeschlagen und getreten, dass seine massiven Verletzungen drei Tage später zu seinem Tod führten. Acht Jahre später und keine 500 Meter vom Stadtpark entfernt, traf dieser unsägliche Hass Hans-Joachim Sbrzesny vor dem Dessauer Hauptbahnhof (mehr dazu hier…).  Dieser wurde in der Nacht zum 01. August 2008 von der rechten Szene nahestehenden Tätern solange bestialisch misshandelt, bis er starb.


Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)


Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)

Im Dessauer Stadtpark flattert am 12. Juni 2017 rot-weißes Flatterband im Wind. Nicht von ungefähr ist das Areal, in dem wenig später 90 Gäste einem würdigen Gedenken beiwohnen werden, abgesperrt. Vielmehr als tausend Worte zeigen jüngste Ereignisse in der Stadt, wie aktuell und manifest Rechtsextremismus noch ist. Hatten doch erst im März diesen Jahres Neonazis aus dem militanten Kameradschaftsspektrum versucht, eine Gedenkveranstaltung für die aus Dessau deportierten NS-Opfer zu stören und Teilnehmende einzuschüchtern. Zum TAG DER ERINNERUNG, der inzwischen zum 17. Mal an die Ermordung von Alberto Adriano erinnert (mehr dazu hier…) und (hier…) und (hier…), blieben solche Provokationen zum Glück aus.


Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)


90 Gäste wohnten der Gedenkveranstaltung bei


„Zuerst herrschte Schmerz, dann folgten Trauer und Tränen“, wagt Amidou Traore einen Blick zurück vor genau 17 Jahren. Das aktive Mitglied des Landesnetzwerks der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt e. V. führt mit emotionalen Worten moderierend durch die Veranstaltung.


Amidou Traore führte moderierend durch die Veranstaltung; Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)

Damit trifft er augenscheinlich den Nerv von Wulf Gallert (DIE LINKE) dem man anmerkt, dass ihm sein Statement wirklich zu Herzen geht. „Die Täter kannten Alberto Adriano nicht, sie wussten nichts über ihn. Er sah anders aus und das reichte ihn zu ermorden“ sagt der stellvertretende Landtagspräsident um gleich dreimal zu wiederholen: „Unfassbar, Unfassbar, Unfassbar“. Der Landespolitiker spricht wohl auch deshalb die „Grauzone in unserer Gesellschaft“ an, die rechte Gewalt verharmlose und entschuldige: „Es ist die Schuld der Täter, ausschließlich der Täter.“ Gallert sagt dieser Ideologie der Ungleichwertigkeit deutlich den Kampf an. Alle ginge diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schließlich etwas an, niemand sei davor gefeit Opfer neonazistischer Schläger zu werden: „Doch es kann jeden treffen.“ Ganz gleich, ob Menschen die anders leben und lieben, Arbeitssuchende oder selbstbewusste Frauen.


Wulf Gallert sprach als stellvertretender Landtagspräsident; Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)

„Er hat sich schon auf die Reise gefreut, wollte am 03. Juli 2000 seine Familie in Mosambik besuchen“, umreißt Oberbürgermeister Peter Kuras die ganze Tragik der Ermordung von Alberto Adriano. Das Stadtoberhaupt spricht den Hinterbliebenen und Freunden seine Anteilnahme aus. Für Kuras hat sich in den letzten Jahren in der Stadt viel getan: „Inzwischen haben wir zivilgesellschaftliche Netzwerke die sich den rechtsextremen Verächtern der Demokratie entgegenstellen.“ Dies sei auch bitter nötig, denn diese Gattung sterbe wohl so schnell nicht aus. Das Dessau-Roßlau weltoffen und tolerant ist, steht für ihn fest: „Und weil das auch so bleiben soll, darf die Erinnerung an Alberto Adriano und an alle Opfer rechter Gewalt nicht verstummen.“ Dies sei auch im Eigeninteresse der Stadtgesellschaft, brauche diese doch angesichts von 30.000 verlorenen Einwohner_innen seit der politischen Wende dringend Zuwanderung. Und wenn die funktionieren soll, da ist sich der Oberbürgermeister sicher, braucht es klare Kante gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und ein deutliches Zeichen der Solidarität: „Ihr seid nicht allein.“


Oberbürgermeister Peter Kuras forderte Solidarität für Opfer rechter Gewalt ein; Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)


Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)

Immerhin noch 70 Interessierte haben sich schließlich auf den Weg zum Dessauer Hauptbahnhof gemacht. Dort steht auf einer Bank ein eingerahmtes Erinnerungswort für Hans-Joachim Sbrzesny. Genau auf jener Bank, wo für den damals 50-Jährigen im August 2008 sein Martyrium begann. „Er wollte auf dieser Bank doch nur schlafen“, beginnt Michael Puttkammer seine sehr persönlichen Gedenkworte. Der CDU-Stadtrat bezeichnet die Ermordung von Hans-Joachim Sbrzesny als symptomatisch für politisch rechts motivierte Gewalttaten. Wie so oft hätten sich Täter und Opfer nicht gekannt, die jungen Männer schlugen unter Alkoholeinfluss zu. Ein fertiger Erklärungsversuch ist das offensichtlich nicht, setzt der Kommunalpolitiker doch zunächst ein großes Fragezeichen: „Wie kann es zu einem solchen Hass kommen?“  Wenig später wird er deutlicher: „Die Täter haben ihm sein Leben und seine Würde genommen. Sie haben sich zu Klägern, Richtern und Henkern gemacht.“


Michael Puttkammer erinnerte am Hauptbahnhof an Hans-Joachim Sbrzesny; Foto: Daniel Kutsche (dk infotainment)

Es folgt eine Schweigeminute – zu sagen gibt es heute nichts mehr.

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