„Wer zu spät kommt muss wohl ein Nazi sein!“

50 Menschen protestieren klug, lautstark und kreativ gegen Neonazikundgebung am 21. April 2017 in der Dessauer Innenstadt

IMG_0956,jpgWenn mitten auf der Kavalierstraße in Dessau eine Box nebst Micro und knallgelber Infotheke ausgepackt wird, ist das zwischen Straßenbahnlärm und dem Friedensmonument erst einmal ein Hingucker. Spätestens wenn sich dann noch eine markante Beachflag im Wind biegt und Materialien für die Kampagne TOLERANZ BEDEUTET FÜR MICH…? (mehr dazu hier…) verteilt werden ist schnell klar: Das Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE zeigt Flagge. Der Anlass für diese Kundgebung hat mit Weltoffenheit und Vielfalt allerdings wenig zu tun – wieder einmal haben sich Neonazis in der Stadt angekündigt. Doch – und das ist schon überraschend – die Rechtsextremisten kommen zu ihrer eigenen Versammlung zu spät, was einen geneigten Teilnehmer zu einer Art Kalenderspruch der besonderen Art verleitet: „Wer zu spät kommt, muss wohl ein Nazi sein!“

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Es ist 18.45 Uhr – und kein Nazi in Sicht, es schlägt 18.50 Uhr und noch immer ist kein Rechtsextremist auf der Dessauer Museumskreuzung zu sehen und auch als 19.30 Uhr die braune deadline schon dreißig Minuten überfällig ist, passiert auf der Seite der ewiggestrigen Realitätsverweigerer und Verschwörungstheoretiker null-komma-nichts. Schließlich tauchen die militanten Nazis aus dem Kameradschaftsspektrum doch noch auf, um ihre obskure Inszenierung für den notorischen Antisemiten und Holocaustleugner Horst Mahler abzuhalten. Dabei treten sie äußerst aggressiv auf, drohen mit ihren Fahnenstangen und stürmen unvermittelt auf Protestler_innen los. Wenig später klärt sich dann auch auf, was die Nazis vorher getrieben haben.

IMG_1077Agressive und militante Neonazis an der Dessauer Museumskreuzung

Auf dem Facebook-Profil eines bekannten Neonazis aus der Region wurden am 21.04.2017 um 20.41 Uhr insgesamt 9 Fotos gepostet, die eine Gruppe von mutmaßlichen Rechtsextremisten und Neonazis zeigt – einige der Teilnehmenden sind dabei ganz offensichtlich vermummt. Mindestens 7 der 9 Fotos zeigen dabei Orte in Dessau-Roßlau, die ganz offensichtlich nicht die versammlungsrechtliche Veranstaltung der rechten Szene im Bereich Museumskreuzung/ Sparda-Bank zeigen. Darunter die jüdische Gedenkstele im Bereich Askanische Str./ Ecke Kantorstraße, eine Inszenierung vor der Stiftung Bauhaus Dessau in der Gropiusallee 38, zwei Fotos, die eine Versammlung vor der Friedensglocke (Platz der deutschen Einheit) zeigen, eine fotographische Dokumentation in der Zerbster Str. 04 (Haupteingang Rathaus), eine nicht genehmigte Versammlung vor dem Dessauer Friedhof III (Heidestraße 123), sowie ein Schnappschuss vor einer Filiale einer Supermarktkette in Dessau-West. Hier finden Sie einen ausführlichen Bericht dazu… 

Doch auch als die Nazis noch nicht da sind, lauschen die 50 Teilnehmenden die dem Aufruf von GELEBTE DEMOKRATIE (mehr dazu hier..) und dem Bündnis Dessau-Nazifrei gefolgt sind, durchaus beindruckenden Statements. So verweist Paul Reinhardt, stellvertretender Vorsitzender des Stadtverbandes der Partei DIE LINKE, in seinem Beitrag auf den Umstand, dass in dieser Stadt das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B hergestellt wurde, mit dem die Nationalsozialisten Millionen von Menschen in den deutschen Vernichtungslagern ermordeten (mehr dazu hier…). Dessau war demnach Hauptproduktionsstandort des Giftgases, nachweislich holte die SS das Zyklon B direkt aus der Stadt ab und verbrachte es nach Auschwitz-Birkenau. Reinhardt verwies dabei auch auf die Kontinuität der menschenverachtenden Ideologie, die die millionenfache Ermordung des europäischen Juden überhaupt erst ermöglicht hat. Ist doch jener Horst Mahler ein exponierter Vertreter des aktuellen Antisemitismus, der wegen der Leugnung des Holocaust schon Haftstrafen verbüßte.

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Ein weniger bekanntes Kapitel des NS-Terrors spricht indes der Leipziger Hobbyhistoriker und aktiver Berufsfeuerwehrmann Reinhard Steffler aus Leipzig an. Er zitiert aus seinem soeben im Dessauer Machtwort-Verlag (mehr dazu hier…) erschienenen Buch „Die deutsche Feuerwehr und ihre Helfer als Teil der Etappensicherung in der Ukraine 1941-1943. Darin weist der Autor nach, dass die deutschen Feuerwehren während des Zweiten Weltkrieges in der Ukraine nicht nur Brände gelöscht haben. Sie waren auch in den Holocaust verstrickt. Eine Tatsache, die bisher eventuell vermutet, aber nicht nachgewiesen werden konnte, da die Quellenlage äußerst dürftig war und ist. Dabei werden die Rechercheergebnisse nicht einzeln isoliert dargestellt, sondern es wird aufgezeigt, in welchem Kontext die kleinen deutschen Feuerwehreinheiten und ihre Helfer im Zusammenhang mit den Unternehmen Barbarossa zum Einsatz kamen und warum es so lange dauerte, bis darüber geschrieben werden konnte, obwohl selbst die Justiz der Bundesrepublik in den 1960er Jahren gegen eine dieser Feuerwehreinheiten Ermittlungen durchführte.

IMG_1048,jpgDer Historiker und Berufsfeuerwehrmann Reinhard Steffler stellt seine Recherchen vor

Als schließlich kurz vor 20.00 Uhr handgezählte 27 Nazis auf ihren Versammlungsplatz an der Dessauer Museumskreuzung eintreffen, erhöht sich der Lärmpegel exponentiell. Mit Trillerpfeifen und Megafon werden die Rechtsextremisten ausgebuht. Kreative Schildchen, offenbar an die Autofahrer auf der stark frequentierten Kreuzung gerichtet, fordern zum „Hupen gegen Rechts“ auf. Für Überraschung und Erheiterung sorgte dann eine ganz spezielle Protestaktion. Ein junger Mann tauchte mit einem Fahrradanhänger auf. Darin eine mobile Lautsprecherbox die ohrenbetäubende Elektrobeats ausspuckt.

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Die Nazis auf der anderen Straßenseite waren damit nicht nur akustisch abgemeldet. Gut so!

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